Lass uns Elternfreunde sein!

Während meiner Elternzeit verabredete ich mich mit einer Freundin zu einem Mittagessen. Ich stellte schnell fest, dass es keine gute Idee gewesen war. Kaum stand die Nudelsuppe auf dem Tisch, begann das Baby zu schreien. Ich blickte auf die dampfende Schüssel und wollte das Restaurant direkt wieder verlassen.

Doch meine Freundin, selbst Mutter, nahm mir das Baby ab, verschwand mit ihm auf die Damentoilette und wiegte es neben dem Handtrockner in den Schlaf. Das monotone Summen beruhigte den Säugling, während ich allein am Tisch saß und meine Suppe aß. Als der Teller leer war, übergab sie mir das Baby, und wir setzten unser Gespräch bei einem Spaziergang fort.

Eine warme Mahlzeit in Ruhe zu essen, war in dieser Zeit eine Seltenheit. Die Geste meiner Freundin war so wertvoll, dass ich sie Jahre später nicht vergessen habe. Für mich war sie ein Moment der Solidarität, des Gesehenwerdens, einer ehrlichen Elternfreundschaft.

Bekommt man Kinder, trifft man pausenlos auf andere Eltern, durch Verabredungen, Geburtstage, Rückbildungskurse und Freundschaften der Kinder. Manche Begegnungen bleiben flüchtig, andere werden zu Elternfreundschaften – für mich eine ganz eigene Art von Freundschaft.

Man kennt sich über die Kinder, ist in einer ähnlichen Lebensphase, trifft sich auf Spielplätzen, in Eltern-Kind-Gruppen oder bei Schulfesten. Eine Freundin kenne ich daher, dass wir beide bei der Eingewöhnung unserer Kleinkinder in der Kita heimlich auf dem Flur lauschten. Wir horchten nach, was wir von unseren Kindern nach dem Abschied aus der Gruppe hören würden, und teilten in diesem Moment eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung.

Die besten Elternfreundschaften sind für mich die, bei denen man ehrlich sein kann, im besten Fall ohne Angst vor Urteilen und Vergleichen. Mein Kind schläft immer noch nicht durch? Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu viel arbeite? Ich wünschte, ich wäre ein besseres Vorbild? Ich mag es, wenn zwischen Eltern Small Talk beiseitegewischt wird und es um die Sorgen und Gedanken geht, die einen umtreiben.

Ich liebe es, zu Besuch in ein Zuhause zu kommen, in dem Lego auf dem Teppich liegt und die Ranzen, Regenhosen und Schuhe einen chaotischen Haufen im Flur bilden. Nicht den Druck zu verspüren, vor einem Besuch perfekt aufzuräumen, zeigt wahres Vertrauen. Ebenso gemeinsam aufzuräumen. Neulich balancierten eine befreundete Mutter und ich auf Stühlen, während wir versuchten, das Schleim-Wasser-Gemisch abzukratzen, das unsere Söhne heimlich angerührt und an die Zimmerdecke geschleudert hatten. Wir mussten beide lachen.

Es entsteht eine Gemeinschaft, in der man sich vertraut. Eine Mutter, die am Abend der Freundinnen-Übernachtung anruft und sagt, sie habe das Gefühl, dem Kind gehe es nicht gut, ob wir telefonieren wollen. Ein Vater, der nach einem Anruf meinen Sohn von der Vorschule mitnimmt, weil ich im Stau stecke und mich verspäte. Sie schaffen ein Netzwerk, das über die Familie hinausgeht.

Natürlich gibt es auch andere Begegnungen. Es gibt die Eltern, denen ich aus dem Weg gehe, weil sie ständig über andere lästern. Und es gibt die, mit deren Erziehung ich nicht einverstanden bin. Doch die Freundschaften meiner Kinder haben mich mit Menschen bekannt gemacht, die ich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätte, weil wir vollkommen unterschiedliche Lebenswege und Berufe haben. Und ich merke, wie ähnlich wir uns doch in dem sind, was wir uns wünschen.

In welchen Momenten waren Sie Ihren Elternfreunden und -freundinnen dankbar? Und was macht für Sie eine gute Elternfreundschaft aus? Schreiben Sie mir Ihre Geschichten an familiennewsletter@.de .

Meine Lesetipps

  • Freundschaften sind auch für Kinder lebensnotwendig. Sie sind Geheimnishüter, Vertrauenspersonen und Helferinnen in der Not. Freundschaften helfen, die Schulzeit zu überstehen. Kindern und Jugendlichen jeden Alters tut es gut, ihre Leute um sich zu haben. Konfliktfrei geht es jedoch in den wenigsten zu. In diesem Text  in »Dein SPIEGEL«, unserem Kindermagazin, beschreibt mein Kollege Pelle Kohrs, warum Freundschaften manchmal enden und wieso es auch vollkommen okay ist, nur wenige Freunde zu haben.

  • Meine Kollegin Lena Högemann ist der Frage nachgegangen, ob Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können und sollten, Freunde zu finden. Was sie herausgefunden hat, lesen Sie hier .

  • Und unser Elternkolumnist Julius Fischer beschreibt auf seine ganz eigene Art, warum es vollkommen in Ordnung ist, dass seine Kinder inzwischen seine Freunde sind .

  • Kinder wachsen in einer digitalen Welt auf, mit Smartphones, sozialen Medien und Videospielen. Wie begleiten wir sie dabei, ohne sie zu überfordern oder zu viel Kontrolle auszuüben? Im SPIEGEL-Podcast »Smarter leben« spricht Grundschullehrer und Bildungs-TikToker Niko Kappe über diese Fragen. Er erklärt, warum es so wichtig ist, mit Kindern über ihre Online-Erfahrungen zu sprechen, statt einfach nur Verbote auszusprechen. »Das Wichtigste ist, dass wir mit unseren Kindern im Gespräch bleiben. Dass wir am Tisch nicht nur fragen: ›Hey, was hast du heute in der Schule gemacht?‹ Sondern auch mal: ›Was hast du heute bei deinem Computerspiel erlebt? Wer hat dir heute auf Instagram geschrieben?‹«, sagt Niko Kappe.

Buchtipp der Woche

Es ist unbestritten, warum sich Kinder für Klos und alles, was damit zusammenhängt, interessieren. Nun gibt es ein neues Buch, »Das Buch vom Klo. Eine Reise durch die stinkende Vergangenheit«. Die Autorinnen sind Olivia Meikle und Katie Nelson, Schwestern und beide Professorinnen.

Sie nehmen einen in dem Buch mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte der … na ja, Notdurft. Man erfährt, wie schwer die täglichen Ausscheidungen aller Menschen auf der Welt zusammen wären, dass Wikinger gigantische Misthaufen bauten und im Mittelalter Nachttöpfe oft einfach aus dem Fenster entleert wurden.

Hat man den ersten Ekel überwunden, liest es sich packend. Ich kann mir kaum einen Vier- bis Achtjährigen vorstellen, der hier nicht gebannt zuhören würde.

Mein Moment

Meine Kollegin Sandra Schulz schrieb in ihrem Newsletter über die Kosenamen, die sie ihrer Tochter gibt. Newsletter-Leserin Christina W. schickte daraufhin diese Nachricht:

»Mein Sohn ist 10 Jahre, meine Tochter 9 Jahre. Meinen Sohn habe ich im Kindergarten angefangen, mein ›Großer‹ zu nennen. Meine Tochter war dann meine ›Kleine‹. Mein Sohn war außerdem mein kleiner ›Racker‹, ›Rabauke‹ etc. Meine Tochter war ›Prinzessin‹, ›Süße‹ …

Irgendwann fing ich an, mir Gedanken über diese Kosenamen zu machen. Worte haben Macht, und ich wollte nicht, dass ich sie unbewusst in Rollenmuster dränge. Daher ist meine Tochter nun auch meine ›Große‹ und meinen Sohn nenne ich auch mal mein ›Süßer‹. Natürlich drückt ein Kosewort immer Liebe aus und ist damit gut gemeint, aber ich möchte nicht, dass diese Wörter meinen Kindern ein einseitiges Bild über sich aufdrücken. Daher achte ich darauf, welche ich verwende, auch wenn wir allein sind.«

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende!

Herzlich
Ihre Antonia Bauer

Party mit Kind: Eltern treffen pausenlos auf andere Eltern

Foto:

Ibai Acevedo / Stocksy

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