Wo herkömmliche Heilmethoden nicht mehr weiterhelfen, geht die Medizin seit einiger Zeit unkonventionelle Wege: Um psychische Leiden wie die Einsamkeit zu lindern, verordnen Ärzte ihren Patientinnen und Patienten zunehmend Zeit in kulturellen Einrichtungen – mit wachsendem Erfolg.
»Das Museum ist ein ganz besonderer Ort, es ist eine Flucht aus unserem stressigen Alltag«, sagt Nathalie Bondil, ehemalige Generaldirektorin des Montreal Museum of Fine Arts, dem »Guardian« . »Und Kunst ist etwas, das für das Gehirn interessant ist.«
Auf ihre Überzeugung hin startete 2018 in Montreal ein weltweit einmaliges Pilotprogramm, bei dem Tausende Ärztinnen und Ärzte Freikarten erhielten, die sie ihren Patienten verschreiben konnten. Die Hoffnung: Mit dem Museumsbesuch sollten Depressionen, Angstzustände, Diabetes und Bluthochdruck gelindert werden. Mittlerweile greifen Mediziner von Montpellier bis Massachusetts auf das ungewöhnliche Rezept als Ergänzung zu herkömmlichen Behandlungen zurück. Seit diesem Jahr haben Ärzte in der Schweizer Stadt Neuchâtel damit begonnen, ihren Patienten Eintrittskarten für Museen oder den botanischen Garten der Stadt auszuhändigen.
Die Aufmerksamkeit für ihr Projekt überraschte Bondil. »Es war eine so einfache Idee.« Doch nicht alle Kultureinrichtungen reagierten gleichermaßen enthusiastisch. »Die Leute hielten es für eine interessante Idee, aber mehr war nicht drin.«
Aufenthalt in ästhetischer Umgebung heilsam
Kunst auf Rezept – die ungewöhnliche Verschreibung hat offenbar eine positive Wirkung: Die Forschung zeigt, dass Museumsbesuche Stress und Einsamkeit reduzieren, die Stimmung verbessern und die psychische Gesundheit fördern können, wie der »Guardian« schreibt. Dabei füllt der Museumsbesuch eine Leerstelle aus, die die Medizin in diesem Umfang nicht füllen kann.
»Stellen Sie sich zum Beispiel einen Arzt vor, dessen Patient zutiefst einsam ist, was zu Depressionen führt. Was kann ein typischer Arzt gegen Einsamkeit tun?«, sagt Tasha Golden, Lehrbeauftragte am Center for Arts in Medicine der Universität Florida. Die Wissenschaftlerin wertete jüngst die Wirksamkeit des Pilotprogramms in Massachusetts aus . Die oft sorgfältig kuratierten Räume von Museen seien gut geeignet, diese Lücke zu füllen, so Golden. »Aus der Forschung wissen wir, dass allein der Aufenthalt in solchen ästhetischen Umgebungen unser Fühlen, Denken und Verhalten positiv beeinflussen kann. Wir wissen auch, dass Museen Gelegenheiten zur sozialen Interaktion bieten können, was Einsamkeit und Isolation verringern kann.«
Auch die Kunstobjekte selbst hätten auf Betrachterinnen und Betrachter einen positiven Effekt: »Natürlich können die ausgestellten Objekte selbst und der Prozess, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Stücke oder Sammlungen zu lenken, die Einsamkeit verringern«, sagt Golden. Die Verschreibung von Museumsbesuchen sei jedoch keine Einheitslösung – das habe die Auswertung des Pilotprojekts gezeigt.
Eine kleine Anzahl von Menschen beschrieb die Erfahrung demnach als negativ. Einige entschieden sich derweil gegen den Museumsbesuch, weil sie befürchteten, sich nicht wohl oder willkommen zu fühlen. Wiederum andere blieben ratlos zurück, nachdem sie in Museen geschickt wurden, die ihre Geschichte oder Kultur ausschlossen oder verleugneten.
Die Empfehlungen für den Besuch einer kulturellen Einrichtung müssten dementsprechend individuell sein, so Golden. »Man würde jemandem, der lieber Gemälde sehen möchte, kein Automuseum empfehlen, und man würde jemandem, der eine andere Art von kultureller Erfahrung bevorzugt, keinen Museumsbesuch vorschreiben.«