Der deutsche Radprofi Nikias Arndt gehört zu den Zuverlässigen in der Branche. Seit Jahren gehört er zum Inventar der großen Rundfahrten, beim Giro und bei der Spanienrundfahrt hat er mal eine Etappe gewonnen. Einer, der immer dabei ist.
Das wird erst einmal anders sein. Am Mittwoch hat sich Arndt beim Eintagesrennen Brugge – De Panne an der belgischen Küste einen Wirbelbruch zugezogen. Der 33-Jährige ist schwer gestürzt, er wurde noch am Donnerstag operiert. Wann er wieder auf ein Fahrrad steigen kann? Vielleicht in zwei Monaten. Wann er wieder Rennen fahren kann? Vielleicht zur Tour de France im Juli. Vielleicht auch nicht.
Vier Massenstürze
Arndt war kein Einzelfall an diesem Mittwoch, allein auf den letzten fünf Kilometern des Rennens gab es vier Massenstürze, am Ende waren es nur noch 16 Fahrer, die wirklich um den Sieg sprinten konnten. 14 Fahrer konnten das Rennen sturzbedingt nicht beenden.
Es siegte der Kolumbianer Sebastián Molano, aber das interessierte am Ende kaum noch jemanden. Wieder einmal hat der Profiradsport eine Sicherheitsdebatte am Hals.
Das Radsportjahr hat gerade erst angefangen, die großen Frühjahrsklassiker stehen an, am Sonntag Gent-Wewelgem, dann die Flandernrundfahrt, dann Paris-Roubaix, der epische Klassiker. Aber jetzt schon geht in dem Sport wieder die Sorge um, dass es so wird wie im Vorjahr. Als das Frühjahr von den Sturz- und Unfallmeldungen der Stars überschattet war: Jonas Vingegaard, der zweifache Tour-Sieger, Primož Roglič, der Star des deutschen Red-Bull-Bora-Teams, Lennard Kämna, der deutsche Vorzeigerundfahrer.
Kämna kämpft sich nach seinem schweren Trainingsunfall langsam zurück in den Sport, Vingegaard hingegen hat es schon wieder erwischt. Bei Paris-Nizza in der Vorwoche zog er sich bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung zu, sein dänischer Landsmann Mattias Skjelmose raste zwei Tage später mit hohem Tempo gegen eine Verkehrsinsel, überschlug sich und knallte auf die Hüfte. Dann kam am Mittwoch das Sturz-Rennen in Belgien und brachte die Debatte wieder zum Aufkochen.
Die Verantwortlichen hatten das Peloton zum Ziel hin im Nordseebadeort De Panne über schmale Straßen geführt, viele Kurven kamen dazu, bei dem Tempo, das auf den letzten Kilometern gefahren wird, ist das Gift für die Fahrer. »Das war eines der gefährlichsten Finals, das ich je gefahren bin«, ereiferte sich Italiens Sprintspezialist Jonathan Milan, der Deutsche Max Walscheid nannte den Streckenverlauf schlicht »total bescheuert«. Die Livereporter vom Sender Eurosport kamen aus dem Aufseufzen nicht heraus: »Das sind Szenen, die wir nicht sehen wollen.« Aber man bekommt sie im Radsport immer wieder zu sehen.
Ein ewiger Wiedergänger
Die Rennchefs hatten wohl darauf gehofft, dass das Feld durch die um diese Jahreszeit üblichen Winde in Belgien entzerrt würde, bevor es zur Ankunft kommt. Das war aber nicht so: Das Feld blieb bis zum Schluss nahezu geschlossen beieinander und raste dann auch mit mehr als 150 Mann in den Straßentrichter von De Panne.
Die Sicherheitsdebatte im Radsport ist wie ein Zombie, ein ewiger Wiedergänger, sie holt den Sport mit Regelmäßigkeit ein. Was es so kompliziert macht: Die Ursachen sind vielgestaltig. Das Material wird immer schneller, die Rennkurse spektakulärer wie in De Panne, dazu kommen zunehmend Extremwetterlagen wie zuletzt bei Paris-Nizza, die die Bedingungen für die Fahrer erschweren. Auch der Klimawandel ist es, der das Thema im Radsport befeuert.
Der Weltverband UCI hat vor zwei Jahren die Arbeitsgruppe SafeR gegründet, dort sitzen Fahrerinnen und Fahrer, Teams und Verbände an einem Tisch und überlegen, wie man den Spot sicherer machen kann. Gemeinsam mit der Universität Gent wird das Thema erst jetzt auch wissenschaftlich begleitet, die Forscher nutzen dabei auch Social-Media-Videos von Radsportfans, die Stürze mit ihren Handys gefilmt haben. Eines der Probleme der Auswerter besteht nämlich auch darin, dass trotz der mittlerweile so ausufernden Berichterstattung nicht jeder Sturz vom TV-Bild festgehalten wird. So haben sich die tödlichen Unfälle der Vorjahre des Schweizers Gino Mäder und der Nachwuchsfahrerin Muriel Furrer abseits der Kameras ereignet.
Erstmals Statistiken
Erstmals hat der Weltverband Zahlen zu dem Thema veröffentlicht. 2024 gab es im Profiradsport 497 Unfälle und Stürze. 35 Prozent davon bezifferte die UCI auf »unerzwungene Fahrerfehler«, Unaufmerksamkeiten, die zu Stürzen führten. Wie viele Stürze darauf zurückgingen, dass Veranstalter Fehler machen, führt die Statistik allerdings nicht auf.
Das klingt ein bisschen so, als wolle man den Fahrern zuallererst die Verantwortung für die Stürze aufbürden. Dazu passt auch, dass die UCI erst mal Verwarnungen einführt. Wer sich als Profi rücksichtslos oder fahrlässig verhält, bekommt eine Gelbe Karte gezeigt. Wer mehrfach verwarnt wird, riskiert Sperren.
Es soll so funktionieren: Bei zwei Gelben Karten im gleichen Rennen wird der Fahrer disqualifiziert und für sieben Tage gesperrt. Drei Gelbe Karten innerhalb von 30 Tagen haben eine Sperre von 14 Tagen zur Folge. Wer in einem Jahr sechs Gelbe Karten gezeigt bekommt, muss für einen Monat aussetzen. Die Strafen der Rennkommissare können auch Teambetreuer oder die Fahrer auf den Begleitmotorrädern treffen.
Ob das etwas bringt? Im Fahrerlager ist man gemischter Ansicht. Der Schweizer Stefan Bissegger sagte, es sei »sinnvoll, dass man genauer hinschaut und das Ganze regelt«. Der deutsche Sprinter Phil Bauhaus hingegen sagt: »Die Gelben Karten ändern gar nichts.« Unter den Sprintspezialisten herrsche ohnehin grundsätzlich der Respekt vor dem Konkurrenten, sagt er. Trotzdem komme es immer wieder zu Stürzen.
Beim Rennen Brügge – De Panne wurden drei Gelbe Karten verteilt. Einmal für einen Rempler, einmal für einen Kopfstoß im Zielsprint, einmal dafür, dass ein Fahrer das Tempo verringerte und so ein anderer Profi abbremsen musste. Gestürzt wurde weiterhin.
Der belgische Profi Edward Theuns mit deutlichen Sturzfolgen im Klassiker Brugge – De Panne
Foto: Nico Vereecken / Photo News / IMAGOSturzopfer Mattias Skjelmose
Foto: Nico Vereecken / Photo News / IMAGOStart in Brügge auf dem Weg nach De Panne
Foto: Dirk Waem / Belga / IMAGO