Beim Treffer zum zwischenzeitlichen 1:5 hatte Wolfsburgs Torhüterin Anneke Borbe endgültig den Überblick verloren. Der Freistoß von Barcelonas Pina war bereits im Tor, doch Borbe ging von einem Pfostentreffer aus, sie blickte weiter nach vorn, als hätten die übermächtigen Katalaninnen sie endgültig schwindelig gespielt.
Es wäre allerdings ungerecht, nur von der Wolfsburger Torhüterin zu sprechen. An der 1:6-Niederlage im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League (Hinspiel: 1:4) waren schließlich alle Wolfsburgerinnen beteiligt, auch die erfahrenen Spielerinnen wie Alexandra Popp, die mit einem Fehler das 0:1 eingeleitet hatte.
Und es wäre auch etwas zu kleinteilig, jedes einzelne Gegentor der Wolfsburgerinnen zu analysieren. Denn es waren zu viele, insgesamt im Hin- und Rückspiel desaströse zehn. »Drei Nummern zu groß«, so VfL-Angreiferin Rebecka Blomqvist, seien die Gegnerinnen aus Barcelona gewesen.
Damit hatten die Wolfsburgerinnen etwas mit den Spielerinnen des FC Bayern gemeinsam: Auch die Münchnerinnen scheiterten im Viertelfinale der Champions League deutlich, 0:2 und 1:4 gegen Olympique Lyon. Noch vor den Duellen hatte Bayern-Managerin Bianca Rech von Spielen auf Augenhöhe gesprochen, »Nuancen werden entscheiden«.
Das Gegenteil war der Fall.
1:4, 1:6, 0:2, 1:4 hieß es am Ende für die deutschen Teams im Viertelfinale, 3:16 insgesamt. Die Titelverteidigerinnen aus Barcelona sind zwar die Besten der Welt und die Spielerinnen aus Lyon wohl die Zweitbesten, aber der Abstand zu den Fußball-Supermächten war doch gewaltig.
Die Frage ist, ob das desaströse Abschneiden der deutschen Spitzenvereine nur eine Momentaufnahme ist. Immerhin stand der VfL Wolfsburg im Juni 2023 noch im Finale der Champions League. Oder ist das Abschneiden in dieser Saison der nächste Schritt weg von der europäischen Spitze? Denn schon im Vorjahr hatte man damit nichts zu tun, als kein einziger deutscher Verein das Viertelfinale der Champions League erreicht hatte.
Wenn man nach dem Warum fragt, landet man schnell beim Geld.
Anfang des Jahres veröffentlichte die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Deloitte die Umsatzzahlen von 15 internationalen Fußballvereinen . Demnach ist der FC Barcelona zum dritten Mal der umsatzstärkste Verein bei den Frauen und konnte seinen Umsatz auf 17,9 Millionen Euro steigern. Der FC Bayern kommt im Vergleich dazu auf 3,6 Millionen Euro. Einen Großteil seiner Einnahmen generiert der FC Barcelona inzwischen aus TV-Verträgen, Sponsoringdeals und Trikotverkäufen.
Die englische Liga wird in der Liste auch als die mit Abstand professionellste bezeichnet – primär dank der hohen Einnahmen aus TV-Deals und Sponsorenverträgen. Mit dem FC Chelsea (Umsatz 13,4 Millionen Euro) und dem FC Arsenal (17,9) haben zwei englische Vereine das Halbfinale der Champions League erreicht.
Eine Wette auf die Zukunft, aber Experten sind sich sicher: Sie wird gewonnen
Die Liste ist aber unvollständig. So fehlen etwa die Umsätze von Olympique Lyon und dem VfL Wolfsburg. Von Lyon weiß man aber, dass die US-Investorin Michele Kang im Februar 2024 die Frauenabteilung des Vereins übernommen hat – und sie mit neuen Investitionen dauerhaft zur besten der Welt machen will.
Sportartikelhersteller, TV-Sender, Marketingexperten: Längst sind sich viele einig, dass der Fußball auch im Frauenbereich ein enormes Wachstumspotenzial hat und ein Umfeld ist, in dem sich eines Tages viel Geld verdienen lässt. Gleichzeitig betonen alle Seiten aber auch, dass dafür weiter Investitionen notwendig sind, dass der Sport selbst bisher nicht genug Einnahmen generiert. In der Bundesliga erreichten die Einnahmen zuletzt einen Rekordwert von 31 Millionen Euro, gleichzeitig machten die Vereine aber im Schnitt 1,9 Millionen Euro Verlust.
Der Erfolg hängt also auch von der Investitionsbereitschaft ab: Wer ist am ehesten bereit, heute Geld auszugeben, das vielleicht erst in einigen Jahren als Gewinn zurückfließt? Noch halten sich die internationalen Spitzenklubs sehr bedeckt, wenn es um die Frage geht, ob sie bereits Gewinne erwirtschaften.
Sicher ist aber, dass die internationale Bereitschaft, in den Fußball der Frauen zu investieren, gestiegen ist. Stärker als in Deutschland. Das Champions-League-Abschneiden ist das Ergebnis.
In Frankfurt entsteht zwar gerade ein neuer deutscher Spitzenklub, doch in dieser Saison war bereits in der Qualifikation zur Champions League Schluss. Der FC Bayern scheint sich stärker zu sehen, als er ist. Das von Managerin Rech angekündigte Spiel auf Augenhöhe war ein Klassenunterschied. Dennoch haben die Münchnerinnen in Deutschland das größte Potenzial, um in Europa anzugreifen.
Mehr Sorgen bereitet der VfL Wolfsburg. Der Verein hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Topspielerinnen verloren, zuletzt Topstürmerin Ewa Pajor an den FC Barcelona. Geldgeber Volkswagen setzt zwar weiter auf die Entwicklung des Vereins, wird aber angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage in der Autoindustrie und neuen Handelszöllen in den USA im kommenden Transfersommer wohl keine Investitionsoffensive starten.
Und was bedeutet das für die EM im Sommer?
Man darf aber auch nicht den Fehler begehen, das Ausscheiden der beiden deutschen Vereine in der Champions League allein mit Geld zu erklären. Schaut man sich allein die zehn Gegentore an, die München und Wolfsburg in den Rückspielen kassiert haben, fallen die enormen individuellen Fehler auf. Lyon und Barcelona wurde das Toreschießen fast zu leicht gemacht.
An den individuellen Aussetzern waren auch deutsche Nationalspielerinnen beteiligt. Das wird Bundestrainer Christian Wück zur Kenntnis genommen haben. Der noch neue DFB-Chefcoach hatte bei seinem Antritt gehofft, bis zur EM im Sommer in der Schweiz große Entwicklungsschritte zu machen. Jetzt sagte Wück: »Wir sind noch nicht so weit, wie wir uns das vorgestellt haben.«
Und das sagte Wück noch vor den Rückspielen in der Champions League.
Auffällig ist die defensive Anfälligkeit, sowohl im internationalen Vereinsfußball als auch in den Länderspielen. Unter Wück gab es bisher sechs Länderspiele, dabei kassierte die DFB-Elf zehn Gegentore. Die Idealbesetzung der Abwehrzentrale ist nach dem Rücktritt von Marina Hegering noch nicht gefunden. Dort war zuletzt die Wolfsburgerin Janina Minge gesetzt, eigentlich Mittelfeldspielerin, die allerdings auch im Hinspiel gegen Barcelona in der Abwehr gespielt hatte. »Wir haben uns teilweise wie ein Hütchen auf dem Platz gefühlt«, sagte Minge.
Schon bei der WM vor zwei Jahren waren die DFB-Frauen mit dem historischen Vorrunden-Aus so früh wie noch nie gescheitert. Sollte auch die EM mit den unangenehmen Auftaktgegnern Dänemark, Schweden und Polen eine Enttäuschung werden, hätte dies wiederum Auswirkungen auf den Ligabetrieb.
Bei großen Turnieren schaut ein Millionenpublikum im deutschen Fernsehen auf die DFB-Frauen, potenzielle Sponsoren suchen nach neuen, spannenden Gesichtern. Aber nur, solange der Erfolg anhält.
Enttäuschte Münchnerinnen nach der 1:4-Pleite
Foto: Hendrik Hamelau / HMB-Media / IMAGODie ehemalige Weltfußballerin Hegerberg trifft gegen die Bayern
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