Das Glück im Scheitern gefunden

1972 trat Boris Spasski im sogenannten Jahrhundertmatch gegen Bobby Fischer an – und verlor. Von den Medien, ganz besonders aber von den politischen Führungen in Ost und West, wurde dieses Match um die Schachweltmeisterschaft zum ultimativen Kampf der Systeme hochstilisiert. Individualität gegen Kollektiv, USA gegen Sowjetunion, aber in erster Linie natürlich: Kapitalismus gegen Kommunismus. Der Kalte Krieg ist lange vorbei, und die Systeme, die miteinander konkurrieren, sind inzwischen andere. Doch diese Überhöhung prägt das kollektive Denken über Schach bis heute.

Der große Respekt, der Boris Spasski jetzt, nach seinem Tod, noch einmal von allen Seiten der Schachwelt entgegengebracht wird, liegt auch darin begründet, dass er nie einen Zweifel daran ließ, mit dieser Propagandaschau wenig anfangen zu können.

Schach-WM: Denken wie ein Weltmeister (XIV)
: Ein Ende, das in die Schachgeschichte eingehen wird

Es ist eine Tragödie für Ding Liren: Im finalen Spiel der Schach-WM deutet alles auf ein Remis hin. Doch im Endspiel unterläuft dem alten Weltmeister ein titelentscheidender Fehlgriff ohne Not. Die 14. WM-Partie in der Analyse mit dem WM-Rätsel des Tages.

Von Stefan Kindermann und Veronika Exler

Am Brett war Spasski ein eleganter Spieler, bis heute wird er in der Schachwelt für seine Vielseitigkeit verehrt. Als ersten „wahrlich universellen Spieler“ würdigte ihn am Donnerstagabend der Schachweltverband. Besonders in komplexen und dynamischen Positionen im Mittelspiel sei Spasski in seinem Element gewesen. Abseits des Brettes begeisterte er sich für viele Dinge des Lebens, bei Weitem nicht nur Schach. Spasski mochte griechische Mythologie, spielte gern Tennis, fuhr schnelle Autos. Von seiner Gage für das WM-Match gegen Bobby Fischer kaufte er sich einen Wolga M-21. Nur mit Politik konnte er nichts anfangen.

Spasski spielte 1972 bei der Inszenierung der Sowjetunion zwar brav mit und verhielt sich rund um das WM-Match tadellos. Doch niemals hätte er seinen Gegner hassen können. „Ich habe ihn vom ersten Augenblick an gemocht“, sagte Spasski einmal über Bobby Fischer. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. Als einer der wenigen hielt Spasski stets Kontakt zu seinem einstigen Gegner, setzte sich 2004 sogar für dessen Freilassung ein, als Fischer monatelang in Japan festgehalten wurde.

Dass er seinen Titel gegen einen verrückten US-Amerikaner verlor, verzieh ihm die Führung zu Hause nicht

Als Fischer 2008 in Reykjavík starb, vereinsamt und von Verschwörungstheorien getrieben, war Spasski einer von nur drei Schachspielern, die zu seiner Beerdigung eingeladen waren. Später legte er Blumen am Grab nieder und fragte die Journalisten: „Glauben Sie, dass der Nachbarplatz noch frei ist?“

Boris Spasski wurde 1937 in Leningrad geboren, dem heutigen St. Petersburg. Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion angriff, wurde er in ein Kinderheim geschickt. Sein großes Talent fiel dort früh auf, er wurde stark gefördert. 1955 ernannte ihn der Weltverband zum damals jüngsten Schachgroßmeister der Geschichte. Das Match gegen Fischer, an das sich heute alle erinnern, war tatsächlich bereits der dritte WM-Kampf seiner Karriere. 1966 unterlag Spasski seinem sowjetischen Konkurrenten Tigran Petrosjan noch knapp, drei Jahre später besiegte er ihn. So gut wie 1969 habe er davor und danach nie wieder gespielt, befand Spasski später.

Boris Spasski (links) und Bobby Fischer schütteln sich vor der legendären Partie in Reykjavík die Hand. (Foto: imago stock&people/Zuma Press/Imago)

Dass er seinen Titel anschließend gegen einen US-Amerikaner verlor, noch dazu einen angeblich Verrückten wie den exzentrischen Bobby Fischer, verzieh ihm die Führung zu Hause nicht. Spasski wurde das Gehalt gekürzt, er durfte kaum noch an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Also wanderte der Lebemann, der schon länger mit seinem Heimatstaat fremdelte, 1976 nach Paris aus. Er heiratete eine Mitarbeiterin des französischen Konsulats in Moskau.

Spasski saß anschließend weiter gerne am Brett, spielte unter anderem für den Bundesligaverein SG Solingen, doch die Weltspitze erreichte er nicht mehr. 1992 provozierten Fischer und er mit einem „Rückkampf“ im damaligen Jugoslawien. Vor 13 Jahren ging Spasski zurück nach Moskau. Er blieb bis zuletzt dabei, die Politik anderen zu überlassen.

Was ihn interessierte, waren die Menschen, auf die er traf. Und so schien es ihn auch nie zu stören, dass er stets mit seinem Bezwinger am Schachbrett verbunden blieb. Spasski verteidigte die mitunter wirren Ansichten Fischers nie. Aber er wurde zu einer Art Erklärer seines Freundes: „Der WM-Sieg hat Bobbys Leben zerstört“, sagte Spasski 2016 dem SZ-Magazin. „Er hörte nach seinem Sieg mit dem Turnierschach auf und wurde privat sehr unglücklich.“ Vielleicht auch deswegen bezeichnete er seine eigene Niederlage als eine große Erleichterung. Die drei Jahre als Weltmeister seien die unglücklichste Zeit seines Lebens gewesen, sagte er, „nach der Niederlage begann die glücklichste“.

Am Donnerstag ist Boris Spasski im Alter von 88 Jahren in Moskau gestorben.

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